Wenn der Körper nur noch Brühe bekommt – was steckt hinter der Markert Diät?
Du hast davon gehört, dass manche Menschen in wenigen Wochen zehn Kilo oder mehr verloren haben – nur mit Gemüsebrühe, Shakes und ärztlicher Aufsicht. Das klingt nach einer Notlösung, nicht nach einem Ernährungskonzept. Und doch hat die Markert Diät seit den 1990er Jahren Hunderttausende Menschen durch Praxen und Bücher begleitet. Die zentrale Frage ist nicht, ob man dabei abnimmt – das tut man. Die Frage ist: Was passiert dabei im Körper, wer profitiert wirklich davon, und wo endet der Nutzen?
Was die Markert Diät eigentlich ist
Die Markert Diät wurde von dem deutschen Arzt Dieter Markert entwickelt und ist eine Form des medizinischen Fastens mit sehr niedriger Kalorienzufuhr – in der Fachwelt als „Very Low Calorie Diet“ (VLCD) klassifiziert. In der klassischen Phase nimmst du täglich nur Gemüsebrühe, Wasser, spezielle Eiweißshakes und bestimmte Nahrungsergänzungsmittel zu dir. Feste Nahrung entfällt über mehrere Wochen vollständig.
Das Besondere am Konzept: Es soll nicht als bloße Hungerdiät funktionieren, sondern als metabolischer Reset. Die Eiweißshakes sind dabei kein Beiwerk – sie sollen verhindern, dass dein Körper Muskelmasse abbaut, während er ins Kaloriendefizit rutscht.

Warum der Eiweißanteil entscheidend ist – und warum er trotzdem nicht alles rettet
Wenn dein Körper drastisch weniger Energie bekommt, greift er auf seine Speicher zurück. Zuerst auf Glykogen in der Leber, dann auf Fettgewebe – aber auch auf Muskeleiweiß, wenn der Proteinbedarf nicht gedeckt ist. Ein Kilo Muskeln verbrennt im Ruhezustand mehr als ein Kilo Fettgewebe. Verlierst du Muskeln, sinkt dein Grundumsatz – und du wirst es nach der Diät schwerer haben, das Gewicht zu halten.
Die Eiweißshakes der Markert Diät sollen genau das abfedern. Ob das vollständig gelingt, hängt von der individuellen Ausgangssituation ab – Körperzusammensetzung, Hormonlage, Aktivitätsniveau. Als Erfahrungswert aus der Praxis: Komplett verhindert wird der Muskelabbau bei einem so tiefen Kaloriendefizit selten. Er wird verlangsamt, nicht gestoppt.
Wie die Phasen aufgebaut sind
Die Diät gliedert sich in drei Abschnitte. Die erste Phase – das eigentliche Trinken – dauert je nach Programm mehrere Wochen. Dabei nimmst du ausschließlich flüssige Kost zu dir. Die zweite Phase führt schrittweise feste Lebensmittel zurück: leicht verdauliche Kost in kleinen Mengen. Die dritte Phase soll die Gewichtserhaltung einüben und neue Essgewohnheiten etablieren.
Genau hier liegt der Knackpunkt, den viele unterschätzen: Phase eins ist das, worüber berichtet wird. Phase drei ist das, was entscheidet, ob das Gewicht bleibt. Die meisten Rückfälle passieren nicht beim Trinken – sie passieren in den Wochen danach, wenn der Alltag zurückkommt und keine Struktur mehr da ist.
Wer von diesem Ansatz profitieren kann – und wer nicht
Medizinisches Fasten mit sehr niedriger Kalorienzufuhr wird in der Adipositasmedizin für bestimmte Situationen eingesetzt: vor bariatrischen Operationen, bei starkem Übergewicht mit begleitenden Erkrankungen wie Typ-2-Diabetes oder bei Menschen, bei denen schnelle Gewichtsreduktion aus gesundheitlichen Gründen notwendig ist. In diesen Kontexten gibt es Studiendaten, die den Nutzen belegen – immer unter ärztlicher Überwachung.
Für Menschen, die zehn Kilo verlieren möchten, weil der Sommer naht, ist das ein anderes Kaliber. Das Programm ist körperlich belastend. Kreislaufprobleme, Elektrolytverschiebungen und Konzentrationsprobleme in der Anfangsphase sind keine Randerscheinungen – sie sind erwartbare Begleiterscheinungen. Wer Vorerkrankungen hat, Medikamente nimmt oder in der Vergangenheit mit Essstörungen konfrontiert war, sollte diesen Ansatz ausschließlich nach ärztlicher Rücksprache in Betracht ziehen.

Was die Wissenschaft sagt – und was sie offenlässt
Very Low Calorie Diets sind kein Randphänomen der Alternativmedizin. Sie sind Gegenstand ernährungsmedizinischer Forschung, und die Datenlage zeigt: Kurzfristiger Gewichtsverlust ist deutlich, oft größer als bei moderaten Kalorienreduktionen. Der kritische Punkt ist die Langzeitwirkung. Studien zeigen, dass viele Menschen nach intensiven Fastenprogrammen das Gewicht nicht dauerhaft halten – ähnlich wie bei anderen stark restriktiven Ansätzen. Das liegt nicht an Schwäche, sondern an hormonellen Anpassungen: Nach starkem Gewichtsverlust steigt das Hungerhormon Ghrelin, während das Sättigungshormon Leptin sinkt. Dieser Effekt kann Monate anhalten.
Ob die spezifische Markert-Formel dabei besser abschneidet als andere VLCD-Programme, ist wissenschaftlich nicht eindeutig belegt. Viele der positiven Berichte sind Erfahrungsberichte, keine kontrollierten Studien. Das heißt nicht, dass sie falsch sind – aber es bedeutet, dass du den Unterschied kennen solltest.
Das Missverständnis mit dem Jo-Jo-Effekt
Der Jo-Jo-Effekt ist kein Beweis dafür, dass eine Diät „schlecht“ war. Er ist ein physiologischer Mechanismus: Dein Körper merkt, dass die Energiereserven gesunken sind, und arbeitet daran, diesen Zustand wieder rückgängig zu machen. Das passiert nach der Markert Diät genauso wie nach jeder anderen Methode mit großem Defizit – wenn danach nicht aktiv gegengesteuert wird.
Was das konkret bedeutet: Wer die Markert Diät als Einstieg nutzt, danach aber weder Essverhalten noch Bewegungsgewohnheiten verändert, wird das verlorene Gewicht sehr wahrscheinlich zurückgewinnen. Das ist kein Versagen des Programms – es ist das Fehlen einer Anschlussstruktur. Genau deshalb ist die dritte Phase nicht optional.
Was du vor einem solchen Programm klären solltest
Wenn du die Markert Diät ernsthaft in Betracht ziehst, gibt es Fragen, die vor dem Start beantwortet sein müssen – nicht als Formalität, sondern weil sie über Sicherheit und Sinnhaftigkeit entscheiden:
- Gibt es eine ärztliche Begleitung, die Blutbild und Elektrolyte regelmäßig kontrolliert?
- Nimmst du Medikamente, deren Dosierung sich durch schnellen Gewichtsverlust verändert (z. B. Blutdruckmittel, Insulinpräparate)?
- Gibt es eine konkrete Strategie für die Zeit nach der Trinkphase?
- Besteht oder bestünde in einem restriktiven Programm das Risiko, in ein schwieriges Verhältnis zu Essen und Hunger zu geraten?
Diese Fragen sind keine Hürde. Sie sind der Unterschied zwischen einem Programm, das dir nützt, und einem, das dir schadet.

Was du aus diesem Konzept mitnehmen kannst – auch ohne es vollständig umzusetzen
Auch wer das Programm nicht machen will oder kann, findet in seinen Grundprinzipien etwas Verwertbares. Der Gedanke, dass Eiweiß beim Abnehmen Muskelmasse schützt, ist wissenschaftlich belegt und unabhängig vom Markert-Konzept anwendbar: Wer in einem Kaloriendefizit ausreichend Protein isst, verliert überproportional mehr Fett und weniger Muskeln. Das gilt für jede Form der Gewichtsreduktion.
Und die Idee, dass nach einer Reduktionsphase eine aktive Stabilisierungsphase kommen muss, ist kein Markert-Spezifikum – sie ist das, was viele Abnehmversuche scheitern lässt, die ohne diesen Gedanken enden.
Was die Markert Diät ist – und was sie nicht ist
Die Markert Diät ist ein medizinisch eingebettetes Fastenprogramm mit sehr niedriger Kalorienzufuhr. Sie ist kein Selbstläufer, keine Dauerlösung und kein Programm, das ohne Nachbereitung trägt. Für Menschen mit starkem Übergewicht und gesundheitlicher Dringlichkeit kann sie unter ärztlicher Begleitung ein wirksamer Einstieg sein. Für alle anderen ist sie eines von vielen Werkzeugen – mit klaren Grenzen, die du kennen solltest, bevor du anfängst.
