„Stilles Wasser ist besser zum Abnehmen – Sprudel macht nur Hunger.“ Diesen Satz hörst du vielleicht beim Sport, von Freunden oder auf Social Media. Er klingt plausibel. Er ist aber, zumindest in dieser absoluten Form, nicht durch Forschung gestützt. Was stimmt daran – und wo wird aus einem Halbwissen ein Mythos?
Was Kohlensäure im Körper tatsächlich tut
Kohlensäure ist kein Fremdstoff. Sie entsteht im Körper selbst: beim Verbrennen von Energie produzieren deine Zellen CO₂, das über das Blut zur Lunge transportiert und abgeatmet wird. Das CO₂ im Sprudelwasser ist dieselbe Verbindung – gelöst unter Druck. Wenn du trinkst, löst sich der größte Teil davon im Magen und wird über den Verdauungstrakt wieder abgegeben. Dein Stoffwechsel verarbeitet es nicht anders als das, was er selbst produziert.
Was Kohlensäure im Magen kurzfristig macht: Sie dehnt ihn aus. Der Magen ist ein dehnbares Organ – füllt er sich mit Gas, sendet er Signale an das Sättigungszentrum im Gehirn, die sich ähnlich anfühlen wie nach dem Essen. Dieser Effekt ist real, aber kurzlebig. Er hält keine 30 Minuten an.

Warum die Hunger-These nicht trägt
Die Behauptung, Sprudelwasser mache hungrig, stützt sich häufig auf eine Studie von 2017 an Ratten (Eweis et al., Obesity Research & Clinical Practice, 2017). Die Tiere tranken kohlensäurehaltiges Wasser und zeigten erhöhte Ghrelinwerte – ein Hormon, das Hunger signalisiert. Ihr Gewicht stieg über mehrere Monate stärker an als bei Tieren, die stilles Wasser tranken.
Das Problem: Ratten sind keine Menschen. Eine vergleichbare, kontrollierte Studie am Menschen fehlt bis heute. Aus der Tierforschung direkt auf menschliche Gewichtsentwicklung zu schließen ist methodisch ein großer Schritt – und dieser Schritt ist hier nicht belegt. Bis solche Daten existieren, bleibt die Aussage „Sprudelwasser macht dick“ spekulativ.
Was Wasser wirklich zum Abnehmen beiträgt – und wie viel
Hier ist, was tatsächlich gut belegt ist: Wer kurz vor einer Mahlzeit Wasser trinkt, isst im Schnitt weniger. Eine randomisiert-kontrollierte Studie von Davy et al. (2008, Journal of the American Dietetic Association, n=48) zeigte, dass Erwachsene, die vor jeder Mahlzeit 500 ml Wasser tranken, nach zwölf Wochen mehr Gewicht verloren als die Kontrollgruppe. Der Mechanismus: Der Mageninhalt steigt kurzfristig, Dehnungsrezeptoren senden Sättigungssignale – und das Ergebnis lässt sich mit stillem wie mit Sprudelwasser erzielen.
Ob du 500 ml stilles Wasser oder 500 ml Sprudelwasser vor dem Essen trinkst, ist für diesen Effekt nach aktuellem Forschungsstand egal. Entscheidend ist das Volumen, nicht die Kohlensäure.
Macht Sprudelwasser wirklich keinen Unterschied beim Abnehmen?
Für die meisten Menschen: nein. Der Unterschied zwischen stillem und kohlensäurehaltigem Wasser ist für den Abnehmerfolg nach aktuellem Stand nicht belegt. Relevanter ist, ob du überhaupt ausreichend trinkst – typisch sind 1,5–2,5 Liter täglich, je nach Körpergröße, Aktivität und Temperatur. Wer Kohlensäure schlecht verträgt oder unter Sodbrennen leidet, sollte aus anderen Gründen auf stilles Wasser zurückgreifen – aber nicht wegen Gewichtseffekten.
Wann stilles Wasser die bessere Wahl ist – und warum
Es gibt Menschen, für die stilles Wasser sinnvoller ist. Nicht wegen Kalorien oder Hormonen, sondern wegen der Verträglichkeit. Wer unter Reizdarmsyndrom leidet oder zu Blähungen neigt, berichtet aus der Praxis häufig (nicht formal belegt), dass Kohlensäure die Symptome verstärkt. Bei Sodbrennen oder einer Refluxerkrankung kann Kohlensäure den Druck im Magenbereich erhöhen und Beschwerden auslösen – hier ist eine Abklärung mit einem Arzt sinnvoll, bevor du dauerhaft auf Sprudelwasser setzt.
Außerdem: Viele flavored Sparkling Waters – also aromatisiertes Sprudelwasser aus dem Handel – enthalten Süßungsmittel oder Zucker. Liest du das Etikett nicht, trinkst du vielleicht keine kalorienfreie Alternative, sondern ein Getränk mit 30–50 kcal pro 330 ml. Das summiert sich über den Tag.

Die Frage, die hinter dem Mythos steckt
Warum hält sich dieser Glaube so hartnäckig? Weil er eine einfache Erklärung für ein komplexes Problem anbietet. „Ich esse eigentlich gut, aber vielleicht ist es das Sprudelwasser“ – das fühlt sich nach einem Hebel an, den man umlegen kann. Das Problem: Wenn ein echter Hebel gesucht wird, führt diese Suche in die falsche Richtung.
Was die Forschung stärker stützt als die Wahl des Wassers: Wer regelmäßig kalorienhaltige Getränke durch Wasser – still oder mit Kohlensäure – ersetzt, nimmt weniger Kalorien zu sich. Eine Analyse von Tate et al. (2012, American Journal of Clinical Nutrition, n=318) zeigte, dass der Ersatz eines täglichen gesüßten Getränks durch Wasser nach sechs Monaten zu einer Gewichtsreduktion von durchschnittlich 0,5 kg führte. Das klingt wenig – aber dieser Effekt kommt nicht vom Wasser selbst, sondern davon, was es verdrängt.

Was du daraus mitnehmen kannst
Trink das Wasser, das du tatsächlich trinkst. Wenn Kohlensäure dafür sorgt, dass du 2 Liter täglich schaffst, wo du sonst bei 0,8 Liter bleibst, ist Sprudelwasser die bessere Wahl – nicht die schlechtere. Dein Körper braucht das Volumen, nicht eine bestimmte Form.
Prüfe bei aromatisierten Wässern das Etikett. Steht dort mehr als „Wasser, CO₂, natürliches Aroma“ – etwa Glucose, Fruktose oder Süßungsmittel wie Sucralose – handelt es sich nicht mehr um ein neutrales Getränk. Das ist kein Drama, aber es ist gut zu wissen.
Und wenn jemand sagt, dein Sprudelwasser sei schuld am ausbleibenden Gewichtsverlust: Die Belege dafür fehlen. Was nachweislich zählt, ist, was du insgesamt isst und trinkst – nicht, ob darin Bläschen aufsteigen.
